Von der Euphorie im Proberaum zum Booking-Frust: Wenn die Band aneinander vorbei redet
Teil 2 einer Serie über Booking für Amateurbands.
Falls du den ersten Teil der Band-Booking-Blogserie verpasst hast, dann kannst du ihn hier nachlesen: „Wir sind eine gute Band ohne Gigs – warum bekommen wir keine Auftritte?“
Eine Erkenntnis aus dem ersten Blog war, dass sich Bands in der Regel nicht strategisch finden, sondern eher zufällig. Man ist froh, Gleichgesinnte gefunden zu haben, um seinem Hobby – dem Musikmachen – nachgehen zu können. Wenn sich drei treffen und sich beispielsweise einig sind, eine Punkband zu gründen, weil alle auf Punk stehen, dann ist das ein echter Glücksfall. Solchen Bands steht theoretisch alles offen – mit Tom Pettys Worten: „The Sky Is The Limit“, auf Deutsch würde man sagen: „Ihnen stehen alle Türen offen.“ Und das gilt auch, wenn sich zwei Punker zusammentun und der dritte im Bunde Reggae spielen möchte. Wenn es gemeinsame Ziele gibt, dann kann eine Band sehr viel erreichen. Und das ist nicht unbedingt davon abhängig, ob eine Band covert oder eigene Songs schreibt.
Die meisten Bands haben nicht das Glück, dass man bei der Gründung in Sachen
Stil, Sound und gemeinsamem Ziel auf einer Welle ist. Bands finden sich erfahrungsgemäß mehr oder weniger zufällig und gehen gerade am Anfang viele Kompromisse ein. Man ist froh, endlich Mitmusiker gefunden zu haben und möchte in einer Gruppe, als Band, gemeinsam Musik machen. Dagegen gibt es auch überhaupt nichts zu sagen. Wenn du Amateur- oder semiprofessioneller Musiker bist und mehr Gigs und coolere Auftritte spielen möchtest, dann ist es eine gute Idee, mit der Frage zu starten: Wie ist deine Band diesbezüglich aufgestellt? In dem vorherigen Blogartikel gibt es einen passenden Fragenkatalog „Fragen an dich und deine Band“, der dir helfen wird, das Thema für dich und deine Mitmusiker zu beleuchten. Bleiben wir gedanklich im Proberaum unserer bunt gemischten Patchwork-Amateurband und schauen uns den nächsten Stolperstein an. Auf geht’s!
Warum der Wunsch nach mehr Gigs oft schon im Proberaum an der Bandkommunikation scheitert
In fast jedem Proberaum fällt irgendwann dieser Satz: „Lasst uns im nächsten Jahr auf die Bühne und Gigs spielen!“ Meist nicken dann alle und finden die Idee großartig. Die Aufbruchstimmung im Raum ist förmlich greifbar.
Doch wenn es dann konkret wird und tatsächlich erste Termine im Raum stehen, dann kommen neue Probleme. Und, du ahnst es schon, es hat wieder nichts mit mangelndem Talent zu tun oder damit, dass die Band schlecht spielt. Das Problem ist im Grunde ganz einfach zu lokalisieren: Man spricht nicht offen und redet ganz viel aneinander vorbei. Vielleicht kennst du so eine vergleichbare Situation aus deiner Beziehung, wenn dein Partner vorschlägt, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Das Problem dabei: Es ist nicht klar, was mit „mehr Zeit“ tatsächlich gemeint ist.
Die Illusion vom gemeinsamen Ziel: Was bedeutet „Gig“?
In der Gründungsphase oder beim gemütlichen Zusammensitzen nach der Probe herrscht meistens Einigkeit. Jedes Mitglied unterschreibt sofort das Vorhaben, live spielen zu wollen. Der fundamentale Fehler liegt jedoch darin, blind anzunehmen, dass jeder unter dem Begriff „Auftritt“ – und was das in der Konsequenz bedeutet – dasselbe versteht. Ohne einen ehrlichen und schonungslosen Abgleich der Erwartungen und Bedürfnisse aller Bandmitglieder wird meist erst viel zu spät deutlich, woran man eigentlich ist. Gerade beim Thema „Gigs“ oder dem Wunsch, „mehr Gigs zu spielen“, zeigt sich dann, wie unvereinbar die einzelnen Erwartungen und Bedürfnisse innerhalb der Gruppe sind – einfach, weil es in fast jeder Band völlig unterschiedliche Typen gibt, die unterschiedlich viel Zeit und Energie in das Hobby Musik investieren möchten oder können.
- Der ambitionierte Antreiber: Er sieht die Band als semiprofessionelles Projekt. Für ihn bedeutet Erfolg: mindestens 20 bis 30 Gigs jährlich zu spielen.
- Der Feierabend-Musiker mit Leidenschaft: Für ihn ist die Band der reine Ausgleich zum Job. Er genießt die gemeinsamen Proben und hat keine finanziellen Interessen, die er an sein Hobby Musik knüpft.
- Der Proberaum-Musiker: Er liebt das wöchentliche gemeinsame Musizieren und das Fachsimpeln über Equipment. Der Stress von Transport, Soundcheck, nächtlichem Abbau und das Lampenfieber bei Auftritten vor Publikum belasten ihn insgeheim. Für ihn ist der Proberaum sein Safespace – das eigentliche Ziel, nicht das Live-Konzert.
- Der Amateurmusiker mit zu vielen Verpflichtungen: Die wöchentlichen Proben sind kein Thema. Alles ist organisiert und geplant. Aber auch verplant. Für Gigs bleibt hier nur wenig Luft, weil Wochenenden, Feiertage und Ferien in der Regel lang im Voraus verplant sind.
Wenn zu viele dieser vier Charaktere in einer Band vereint sind, dann ist die Planung und das Booking schwierig. Wenn in einer Band niemand mit „Ambitionen“ ist, fällt das oft gar nicht auf. Die Band entdeckt dieses Problem bei der Terminabstimmung dann niemals für sich, weil es nur wenig abzustimmen gibt. Sobald jemand in einer Band aber mehr möchte – also mehr Gigs spielen –, spätestens dann tritt dieses Problem an die Oberfläche.
Wenn das Bandbooking am Terminkalender der anderen zerschellt
In unserem Beispiel wird sich Musiker-Typ 1, der ambitionierte Musiker, vermutlich um das Booking der Band kümmern. Und er wird spätestens dann enttäuscht bis frustriert sein, wenn er von seinen Bandkollegen Absagen erhält, sobald er deren Verfügbarkeit abfragt, um von ihm akquirierte Gig-Termine abzustimmen.
Der Schlagzeuger arbeitet im Schichtdienst, die Bassistin steckt mitten im Hausbau, der Gitarrist spielt gerne im Übungsraum, um seinen Kopf frei zu bekommen, ist aber ansonsten mit seiner beruflichen Karriere beschäftigt, und die Sängerin hat mit Familienfeiern sowie geplanten Urlauben und Reisen bereits anderthalb Jahre im Voraus fast alle Wochenenden, Feiertage und Ferien verplant. Wenn hier Absagen zu angefragten Terminen kommen, dann sind das keine billigen Ausreden, sondern völlig legitime und wichtige Lebensumstände, die bei jedem sehr unterschiedlich sein können. Sie führen jedoch dazu, dass das reale Commitment-Level der einzelnen Musiker massiv auseinanderklafft.
Wenn in einer Band ein oder zwei Musiker Vollgas geben wollen, aber permanent von den restlichen Mitgliedern ausgebremst werden, kippt die Stimmung. Die Musiker, die am liebsten regelmäßig Gigs spielen wollen, fühlen sich in ihrer Entwicklung blockiert. Die weniger aktiven Musiker empfinden das Drängen der anderen als permanenten Stress und Druck, den es bei einem entspannten Hobby nicht geben sollte. Im Ergebnis entsteht ein unterschwelliger Frust im Proberaum bei allen Beteiligten.
Gruppenchat im Stillstand: Warum du deinen eigenen Namen beim Booker verbrennst
Um die Harmonie in der Band nicht zu gefährden, werden diese Zielkonflikte oft jahrelang ignoriert und nie offen angesprochen. Man konzentriert sich stattdessen lieber auf das reine Proben der Songs. Doch spätestens bei einer konkreten Live-Anfrage bricht dieses Kartenhaus gnadenlos zusammen.
Sobald ein Veranstalter für ein bestimmtes Wochenende anfragt, gerät der bandinterne Gruppenchat schlagartig ins Stocken. Das Datum passt nicht, der Anfahrtsweg ist zu weit, die Gage zu gering oder mindestens ein Bandmitglied kann erst im Laufe der kommenden Woche Rückmeldung geben, ob der Termin überhaupt passt. Der Veranstalter wartet so vergebens auf eine schnelle, verbindliche Rückmeldung von demjenigen in der Band, der sich um das Booking kümmert.
Butter bei die Fische: Mein Buch „Das Musiker-Geschenk“ habe ich in erster Linie für die geschrieben, die „wollen“ – also die Macher. Alle anderen werden es ganz sicher auch nicht kaufen. Wenn du also ein Macher bist, dann ist dieser Blog und mein Buch für dich.
Professionelle Booker und Clubbetreiber merken sofort, ob man mit einer Band arbeiten kann. Wer auf Buchungsanfragen unentschlossen, kompliziert oder verzögert reagiert, fliegt sofort von der Liste des Veranstalters. Der Gig geht an eine andere Band. Das Fatale ist: Wenn du in einer Band bist, viel willst und der Meinung bist, die anderen nur überzeugen und begeistern zu müssen, dann wird das vermutlich nicht so passieren, wie du es dir wünschst. Was aber passiert, ist, dass du deinen eigenen Namen verbrennst. Der Booker merkt sich vermutlich nicht den Namen deiner Band, aber er behält deinen Namen im Gedächtnis und speichert dich so ab, dass man mit dir nicht zusammenarbeiten sollte.
Das ist jetzt kein Aufruf dazu, deine Band zu verlassen oder jemanden zu feuern. Ich rate dir, dass du mit allen in deiner Band offen darüber sprichst, was du dir wünschst. Zum Beispiel, mehr und regelmäßige Gigs zu spielen. Hinterfrage bei jedem Einzelnen, wie er das sieht und was seine Wünsche sind. Belasse es nicht bei einem „Wollen wir nächstes Jahr öfter auftreten?“, sondern frage sehr konkret, und zwar bei jedem Einzelnen.
Feste Regionaltermine: Dein Hebel für verbindliche Zusagen
Eine gute Strategie kann sein, dass du dir Termine in deiner Region suchst, die jedes Jahr gesetzt sind. Zum Beispiel Weinfeste, Stadtteilfeste oder Events wie die „Nacht der Clubs“, wo an einem Ort mehrere Bands in verschiedenen Locations auftreten.
Nimm diese Terminideen mit zu deiner Probe und frage alle, ob sie da könnten, wenn du dich um das Booking kümmerst. Die Antworten deiner Bandkollegen müssen unbedingt verbindlich sein. Ein „Guck mal, ob die uns nehmen, und dann schauen wir weiter“ geht nicht. Wenn deine Kollegen deine Ideen gut finden und mitziehen wollen, dann bitte sie sofort, diese Termine fest zu blocken.
Wenn die Rückmeldung kommt, dass beispielsweise ein Bandmitglied im Sommer generell keine Zeit hat, wenn ein bestimmtes Fest stattfindet, für das du die Band eigentlich bewerben wolltest, dann hast du und die Band zumindest eine verbindliche Rückmeldung und könnt überlegen, wie ihr damit umgehen wollt. In jedem Fall bekommst du durch verbindliche und offene Gespräche Rückmeldungen, mit denen du gezielt arbeiten und planen kannst. Egal ob ihr am Ende 4 oder 40 Gigs im Jahr spielt: Verbindlichkeit ist das einzige Fundament, das funktioniert. Wer hier herumeiert, verbrennt Zeit, Energie und seinen Ruf am Markt. Wenn du lernen möchtest, wie das mit dem Booking funktioniert und wie du mit deinen musikalischen Fähigkeiten als Amateurmusiker sogar Geld verdienen kannst, dann findest du alle Infos und mehr Tiefe in meinem Ratgeber „Das Musiker-Geschenk“.
Das 399-Seiten-Praxishandbuch für Musiker und Bands
- Booking & Gigs: Wie das mit dem Booking funktioniert, wie du eigene Auftritte planst, selbst organisierst und Gagen kalkulieren kannst.
- Management: Wie du Musiker findest, die zu dir passen, und dein eigenes Projekt aufbauen kannst.
- Sound & Performance: Wie du Proben effektiver gestalten und den Band-Sound massiv verbessern kannst.
- Sichtbarkeit: Wie du soziale Medien und andere Kanäle nutzt, um sichtbarer zu werden.
- Band-Business: Grundlagen von GEMA, GVL, Rechnungsstellung und mehr.
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